Deutschland und Befreiung

Letztes Jahr hat mich die Frage fasziniert: Wie feiert man in Deutschland eigentlich die Befreiung? Die Neue Rhein Zeitung (NRZ) fand das Thema ebenfalls interessant, woraufhin ich zwei Monate lang durch Nordrhein-Westfalen streifte und Deutsche zu „75 Jahre Kriegsende“ interviewte.
Schnell stellte sich heraus, dass meine Fragen komplex waren und einen wunden Punkt trafen, den ich so nicht bedacht hatte. Ich erhielt besondere, ehrliche und bewegende Antworten – von einem alten Wehrmachtsoldaten, der in dem Dorf, in dem ich lebe, gekämpft hatte, von einer 84-jährigen Dame, die das Ende des Kriegs in einem Hochbunker in Duisburg erlebte, von einem Mann, der in seiner Jugendzeit entdeckte, dass seine Familie im Krieg aktive, hingebungsvolle Nazis gewesen waren. Ich entzifferte das Tagebuch, das Annemarie Sandkühler für ihren Liebsten über die grausamen, nahezu vergessenen Bombenangriffe auf Dinslaken geschrieben hatte. Und ich spazierte mit einem Bundeswehrsoldaten durch den
Reichswald, in dem eine blutige Schlacht ausgetragen wurde, die gewaltiger war als der D-Day, auf die aber an Ort und Stelle kein einziges Schild hinweist.

Meine Reisen in die Vergangenheit beschrieb ich in einer fünfteiligen Artikelserie, die ab dem 7. März 2020 publiziert wurde. Für mich persönlich war es eine besondere Erfahrung, den Menschen zuzuhören, die so viel zu erzählen haben, es aber nie zuvor gewagt haben, darüber zu sprechen.